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Nr. 33/2013, Seite 6, Achtung! Eltern! Sie tun alles für ihr Kind — und schaden ihm
Vogelküken oder Hühnchen
Ich kann diesem Früher-war-alles-besser-Tenor grundsätzlich nichts abgewinnen. Toll, dass die sechsjährige Yanira in Peru Krebse fängt, kocht, Blätter sammelt und die Hütte fegt. Aber ist ein Vergleich mit heutigen amerikanischen oder mitteleuropäischen Kindern wirklich zulässig? Und die US-Journalistin ist nur so lange ein herausragendes Positivbeispiel für Erziehung zur Selbständigkeit, wie ihrem neunjährigen Kind in der New Yorker U-Bahn nichts zustößt. Ich versuche, meiner Tochter am Klettergerüst die größtmögliche Freiheit zu geben, aber wenn sie runterfällt, und ich bin nicht da, um sie aufzufangen, geht ein Aufschrei über den Spielplatz, und ich muss mich für die Vernachlässigung meiner Aufsichtspflicht rechtfertigen. Viele sind sich gar nicht bewusst, unter weich großem gesellschaftlichem Druck Eltern stehen.
LISA MANG, WIEN
Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist eben nicht besser — wie uns der Volksmund suggerieren will.
PAUL K0RF, HAMBURG
Letztens rief eine Mutter an und fragte, ob ihre Tochter, die gerade Abi gemacht habe, in der Pressestelle ein Praktikum machen könne. Ich war leider zu höflich, ihr direkt zu sagen, dass ihre Tochter sich überlegen solle, ob sie in dem Beruf richtig aufgehoben ist, wenn sie nicht mal ein Telefonat selbst führen mag.
CHRISTIANE CONZEN. REMSECK AN NECKAR
In der Berufsschule rief neulich eine Mutter an, um mitzuteilen, dass ihr Sohn wegen einer Grippe nicht kommen könne. Der Notarzt sei auch schon da gewesen. Etwas verdutzt teilte ich ihr dann mit, dass das arme kranke Kind putzmunter im Unterricht sitze und kein bisschen fiebrig aussehe. Erschrocken legte ,,Mama” den Hörer auf. Als ich den jungen Mann fragte, was das zu bedeuten habe, wollte der sich halb totlachen. Er hatte die Nacht bei seiner Freundin verbracht und war nicht nach Hause gekommen. Folglich nahm Mama an, dass die Schule auch geschwänzt würde. Deshalb meldete sic Sohnemann schon mai vorsorglich krank.
CHRISTA LISSEY. HANNOVER
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Als junger Vater konnte ich hier weder mich selbst noch meine Eltern wiederfinden. ,,Helikopter-Eitern” sind kein neues
Phänomen unserer Generation, sondern vielmehr ein kläglicher Versuch unserer Pädagogen, von der Unfähigkeit, Werte und Normen zu vermitteln, abzulenken!
ALEXANDER WOZNIAK. TELTOW (BRANDEND.)
Noch nie bat man so viel über Kinder und ihre Bedürfnisse geredet, noch nie hat man sich so wenig gekümmert.
MARTINA LENZEN. MÜNCHEN
Ich bin eine Helikopter-Mom. Glück für meinen Sohn, dass wir von Berlin weggezogen sind. Das Landleben bat mich therapiert: Versuchen Sie mal, in Nordfriesland einen Kindergarten zu finden, der Englisch anbietet, oder einen Gesprächspartner, den interessiert, wann ihr Kind trocken war oder laufen konnte. Und das Hinterherschleichen, wenn mein Sohn sich außerhalb des Gartens aufhält? Ich arbeite daran.
KERSTIN SCHIPPMANN. HATTSTEDT (SCHL.-H0LST.)
Helikopter-Eltern haben die Kinder, die sie verdienen. Und meistens nutzen diese es auch hemmungslos aus. Aber der Mensch ab einem gewissen Alter kann, darf, muss rebellieren. Vor allem, wenn die Eitern um ihre Küken schwirren. Und wenn der Heranwachsende das nicht rechtzeitig tut, bedeutet es, dass er kein echtes Vogelküken ist, sondern bloß ein niedlich bequemes Hühnchen. Nicht alle Menschen sind zum Fliegen bestimmt. Viele fühlen sich in Hühnerställen und goldenen Käfigen sauwohl.
ADELINA SANTANDER. BERLIN
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Als Lehrer erlebe ich es beinahe täglich, wie besonders Mütter, den Tiermüttern gleich, ihre Kinder aggressiv verteidigen, es aber nicht schaffen, sie, wie in der Tierwelt, insoweit zu verstoßen, dass sie sich zu selbständigen Individuen entwickeln können. Viele Schüler nützen dies aus, indem sie sich für ihre Faulheit und ihr Desinteresse durch das beschützende Engagement ihrer Eitern belohnen lassen und bei Ordnungsmaßnahmen mit deren Erscheinen drohen. Dagegen helfen nur ein Kollegium und eine Schulleitung, die Rückgrat zeigen und die Entscheidungen so treffen, wie es Schülern angemessen ist: ohne vorauseilenden Gehorsam gegenüber möglichen negativen Schülerelternreaktionen.
JOSEF GEGENFURTNER, SCHWABMÜNCHEN
Als alleinerziehende, berufstätige Mutter mit vier Kindern kann ich Ihre Beobachtungen leider nur bestätigen. Kinder werden heutzutage teilweise entmündigt oder in jede noch so kleine Entscheidung miteinbezogen. Dagegenhalten möchte ich aber, dass in der Grundschule bereits Aufgaben übertragen werden, die unmöglich von einem Kind komplett selbständig zu bearbeiten sind.
MICHAELA KHOBO, NEU-ULM
Eine wichtige Botschaft in Ihrem Artikel: Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder glücklich zu machen. Aber: Kinder wollen glückliche Eltern! Vergessen wir also nicht zwischen all der Organisation von Ballett- und Klavierstunden. Nachhilfe und Klettertraining für die lieben Kleinen: fernab der Rolle als behütende Eltern — uns selbst! Denn unglückliche Eitern sind schlechte Eitern.
ULLI CECERLE-UITZ, WIEN
"An alle Eltern: Lasst Kinder Fehler machen und manchmal auch in Niederlagen reinlaufen, aber vergesst nicht, sie danach aufzuheben und aufzubauen. Denn elementar ist die Erfahrung, bei Problemen immer Rat und Unterstutzung
und, wenn nötig, auch Kritik zu finden"
NATHALIE REPENNING, SCHENEFELD (SCHL.-HOLST.)
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