Kampfauftrag Kind
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
Gleichzeitig hatte sie Bilder einer perfekten Familie im Kopf. Von Kindern, lustig und gesellig, so wie sie selbst auch mal war. Doch statt auf den Bolzplatz zu gehen, blieb der Große lieber für sich. Sie fragte sich: Was hab ich falsch gemacht? Wie kann man das andern? Ständig bedrängte sie ihn, mehr aus sich herauszugehen.
Als der Sohn in die Schule kam, begann er, sich zu fürchten. Morgens, abends, nachts. Irgendwann begriff sie, dass er sich mehr als andere Kinder fürchtete, und bat einen Psychologen um Rat. Sie ging auch selbst zu einer Therapeutin. Erst als diese ihr viele Male glaubhaft versicherte: "Es ist alles gut. Sie haben tolle Kinder. Vertrauen Sie darauf, das wird schon", war Erika Kochel allmählich bereit zu glauben, dass nicht alles im Leben ihrer Kontrolle bedurfte. Heute sagt sie: "Ich habe mühsam gelernt, die Dinge auch mal laufen zu lassen."
Klaus Hurrelmann ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Er leitet seit über zehn Jahren die Shell-Jugendstudie, er untersucht, wie Kinder in Deutschland leben.
Er sagt, wer wissen wolle, wie Eltern und Kinder heute miteinander zurechtkommen, müsse auch betrachten, wie sich die Paarbeziehungen der Erwachsenen im Laufe der Zeit verändert haben. "Kaum jemand muss heute noch einen Hof oder ein Geschäft zusammen betreiben", sagt Hurrelmann.
Ein Paar zu sein, das sei heute kaum mehr eine pragmatische Entscheidung, sondern fast ausschließlich emotional gesteuert, eine Liebesbeziehung. "Man schaut, ob man in seinem Charakter zueinanderpasst. ln seinen Interessen, seinen Anschauungen."
Eine solche Beziehung ist geplagt von starkem Einfühlen, hoher Empathie, intensivem Mitdenken für den Partner. Hurrelmann glaubt, dass nicht wenige Eltern diese Art von Beziehung auch auf ihr Kind übertragen. "Das sind alles sehr hohe Werte", sagt Hurrelmann. Aber das Kind müsse erzogen werden. "Das muss der Partner nicht." In manchen Fällen werde die Erziehung sogar komplett durch die Beziehung ersetzt.
Was Hurrelmann von den Eltern verlangt, ist eine stärkere erzieherische Haltung, eine gesunde Distanz zum Kind. Ein solcher Abstand schütze das Kind auch, denn es gehöre einer anderen Generation an, sei ein anderer Mensch. "Es ist sein eigener Mensch. Das zu akzeptieren fallt vielen Eltern schwer."
Vor ein paar Jahren wurde die amerikanische Journalistin Lenore Skenazy über Nacht berühmt: In ihrer Kolumne für die "New York Sun" bekannte sie, dass sie ihren neunjährigen Sohn allein mit der New Yorker U-Bahn fahren lasse.
Binnen kurzem hatte Skenazy den Beinamen "America's Worst Mom" - die schlechteste Mutter Amerikas. Aufgebrachte Eltern ließen sich über sie aus. Tenor: "Was, wenn da etwas passiert?"
Skenazy ging in die Offensive. Sie schrieb ein Blog und ein Buch mit dem Titel "Free-Range Kids", freilaufende Kinder, in dem sie das Recht ihres Sohnes verteidigte, die Welt auch für sich allein zu entdecken. Das Buch war ein Erfolg, Skenazy bekam eine eigene TV-Sendung.
In einer Folge van "World's Worst Mom" blickt ein Zehnjähriger traurig in die Kamera. Er sagt: "lch kann nicht radfahren und nicht mit einem Messer schneiden. Meine Mutter hat Angst, ich falle hin oder schneide mir die Finger ab."
Skenazy kommt, setzt den Jungen aufs Rad, lässt ihn in der Küche Tomaten schneiden. Am Ende sind alle vor Glück den Tränen nahe. Skenazy sagt: "Ich denke, das Leben dieser Familie hat sich für immer verändert."
Wird die Hamburger Psychologin Katrin Hagemeyer, 35, bei Schwierigkeiten von Eltern um Rat gebeten, besucht sie die Familie auch zu Hause. Sie beobachtet einige Stunden das Miteinander von Eltern und Kindern. Häufig sieht sie dabei, wie die Eltern die Kinder mit ihren gutgemeinten Sorgen erdrücken. Und selbst nichts davon merken.
"Ich spreche mit Eltern, die sich über den grassierenden Förderwahnsinn mokieren, aber mir gleichzeitig erklären, weshalb ihr Kind an vier Nachmittagen die Woche irgendwelche Kurse besucht."
Sie spricht mit einer Mutter, die über die übertriebene Sorge räsoniert, ihrer Tochter dabei aber am Klettergerüst die ganze Zeit das Handchen hält.
Inzwischen geht es auch in vielen Sachbüchern darum, dass die Kleinen ihre Kindheit einbüßen. Man solle die Kinder, heißt es meist darin, doch wieder einfach Kinder sein lassen, sie in den Wald schicken, sie toben lassen.
Aber die Eltern, mit denen Hagemeyer zu tun hat, behandeln auch das wieder nur als eine Aufgabe. lm Hinterkopf, sagt Hagemeyer, ticke weiter der Wecker. "Nach dem Motto: Ich habe dem Jungen jetzt drei Stunden lang seine Ruhe gelassen, jetzt muss er doch mal um die Ecke kommen und ein tiefsinniges Gespräch führen wollen."
"Theoretisch", sagt Hagemeyer, "ist dies en Eltern klar, dass es ein Zuviel geben kann." Aber praktisch sähen sie es nicht. Sie führten Methoden aus, sähen das Kind nicht als Person.
"Die Eltern kommen aus der Denkfalle gar nicht mehr heraus", sagt Hagemeyer. Alles in ihrem Leben sei messbar. Größe, Gewicht, die Leistungen in der Schule. "So werden die Kinder zu Mathematikaufgaben."
Die Rechnung der Eltern sehe meist so aus: Ich habe dich gestillt, dir Nähe und Zuneigung gegeben, dich bestmöglich gefördert - jetzt werde bitte zu dem Menschen, zu dem ich dich erzogen habe.
Immer wenn die Eltern eine solche Rechnung aufmachten, sagt Hagemeyer, werde es gruselig.

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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
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