Kampfauftrag Kind
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
Inzwischen gibt es Initiativen an Grundschulen wie "Zu Fuß ist cool", mit denen Kinder, aber vor allem deren Erziehungsberechtigte angeregt werden sollen, mal darüber nachzudenken, warum 500 Meter Schulweg, bitte schön, so gefährlich oder mühselig sein können, dass sie besser mit dem Range Rover zurückgelegt werden müssen.
Zum Beispiel die Hausaufgaben: In einer Emnid-Umfrage von 2012 gaben 77 Prozent der befragten Eltern an, sie würden gezielt vor Klassenarbeiten und Referaten helfen. Allensbach erhob 2011, dass 27 Prozent der Eltern der Meinung sind, in der Schule werde heute so viel verlangt, dass man die Kinder zusätzlich fördern müsse. Kraus sagt: "Die Mütter sitzen Tag für Tag neben ihren Kindern und kontrollieren die Hausaufgaben. Dabei sollten die selbständig erledigt werden. Das Kind muss auch mal mit einer falschen Hausaufgabe in die Schule kommen." Sonst könne der Lehrer nicht einschätzen, wie gut der Stoff verstanden wurde.
Fragt man Eltern, was sie sich in ihrer Erziehung für ihre Kinder wünschen, dann sagen die meisten: dass sie selbständig werden, sich durchsetzen können. Lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Für Kraus gehen diese Wünsche nicht mit dem Handeln der Helikopter-Eltern zusammen.
Wie soll ein Kind, dessen Mutter bei jeder Rangelei die Schule anruft, lernen, sich durchzusetzen?
Um Selbstvertrauen zu entwickeln, brauche es ein realistisch begründetes Selbstbewusstsein. "Es muss gelernt haben, mit Frustrationen umzugehen."
Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke erforscht seit Jahren, wie sich die Beziehung von Kindern und ihren Eltern verändert. Will sie aber ein schnelles, eindrückliches Beispiel geben, wohin der Trend in den vergangenen Jahren geht, dann nennt sie zwei Namen: Angelina Jolie und Heidi Klum. Mütter, die ihr Muttersein ausstellen, als gäbe es einen Preis dafür, oder beweisen, dass es zumindest die Figur nicht ruiniert.
"Kinder sind nicht mehr wichtig für die Altersvorsorge", sagt Seiffge-Krenke. "Man bekommt sie freiwillig, und sie sind wichtig für den Selbstwert der Eltern geworden." Das habe eine narzisstische Komponente angenommen. Die Eltern schmückten sich mit ihren Kindern, sie seien zum Faktor in der Repräsentation der Familie nach außen geworden. "Früher haben die Kinder in Haus und Hof geholfen, heute machen sie Ballett, Klavier, sollen viel lernen für gute Noten."
2006 befragten Seiffge-Krenke und ihre Kollegen in einer Studie 15000 Kinder aus 25 Ländern. Die größte Not der Kinder: "Meine Eltern wollen gute Noten und machen deswegen Druck." Zum Teil seien das berechtigte Sorgen der Eltern in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, gibt die Forscherin zu. Aber dahinter stecke auch pures Statusdenken: "Man machte sich mit seinen klugen und tüchtigen Kindern schmücken."
Die 23-jahrige Olivia Marschall studiert an der Universität Freiburg Geografie, Englisch und Italienisch auf Lehramt.
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
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