Kampfauftrag Kind
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
Seit drei Jahren jobbt sie in der Telefon-Hotline der Uni, erklärt den Anrufern Bewerbungsfristen, Fach- und Uni-Wechsel. Als sie begann, sagt Marschall, hatten sich hin und wieder auch mal Eltern gemeldet. Doch in diesem Jahr sei bei jedem zweiten Telefonat eine Mutter oder ein Vater am Apparat gewesen. Meist wüssten die Eltern Über die Studiengänge bestens Bescheid. Ihre Fragen sind anderer Natur.
Es sind Kontrollanrufe. "Sie wollen wissen, ob die Bewerbungsfrist, die ihr Kind ihnen genannt hat, auch stimmt", sagt Marschall. Mitunter bekommt sie mit, dass die Familie wegen des Studienplatzes des Kindes beschlossen hat, mit in die Stadt zu ziehen. "Ich finde es gut, wenn die Eltern einen in der Ausbildung unterstützen", sagt sie. "Aber man sollte sein Studium schon auch selbst organisieren."
Jeden Herbst begrüßt die Universität Freiburg die Erstsemester und deren Eltern mit einer kleinen Feier, dem "Erstsemestertag". Universitätssprecher Rudolf-Werner Dreier hatte die Veranstaltung 1997 initiiert. Seine Kollegen lachten damals über den Vorschlag. Welcher Student würde schon freiwillig seine Eltern an die Uni mitbringen? "Schultüten-Tag" nannten sie Dreiers Idee. Doch schon beim ersten Mal zahlte man über 400 Gäste.
15 Jahre später musste der Brandschutzbeauftragte einschreiten. Nachdem 2011 bereits 4300 Eltern und Studenten gekommen waren, verlegte die Uni den Erstsemestertag ins Stadion an der Dreisam, sonst Heimat des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg. Die Gäste füllten die Osttribüne.
"Die Eltern unserer Studierenden sind für uns eine feste Zielgruppe geworden", sagt Dreier. Sie bestimmten maßgeblich mit, wo und was ihre Kinder studieren. Über Alumni-Netzwerke versucht Dreier außerdem, di~ Ehemaligen, die eines Tages als Eltern Ihre Kinder zum Studium entlassen, mit ihrer Alma Mater in Verbindung zu halten. Die Verbindung hält. Die Eltern kommen.
"Wir sehen diesen Tag als eine Übergabeveranstaltung, einen Initiationsritus. Aber danach sollten die Eltern bitte auch loslassen", sagt Dreier.
Die Uni biete ihren Studenten viel: Beratung, soziale Betreuung, man kann Studienfächer im Internet testen. "Wir machen fast alles", sagt Dreier, "aber Windeln wechseln wir nicht."
Nehme die Uni die Kinder weiterhin an die Hand und ließen die Eltern auf der anderen Seite nicht los, bleibe den jungen Erwachsenen zu wenig Freiraum, um ihre eigene Persönlichkeit zu finden.
Deswegen gibt Dreier den neuen Studenten gern einen Rat: "Nehmt euch ein kleines WG-Zimmer. Dann kommen die Eltern nicht jedes Wochenende zu Besuch."
2004 traf die amerikanische Anthropologin Carolina Izquierdo in Peru auf das Mädchen Yanira. Die Wissenschaftlerin wollte herausfinden, wie viel Verantwortung verschiedene Kulturen ihren Kindern geben und welche Folgen das für deren Entwicklung hat. Die Forscherin verbrachte mehrere Monate bei den Matsigenka im peruanischen Regenwald, einem Fischervolk, das in großen Familienverbänden lebt.
Eines Tages stand die kleine Yanira da, in der Hand einen Kochtopf, zwei Kleidchen und neue Unterwasche. Ihr Plan: eine Familie des Stammes auf Angeltour begleiten.
In den folgenden Tagen fing Yanira Krebse, die sie für die Gruppe kochte, sammelte Blätter für den Hüttenbau und fegte morgens und nachmittags Sand von den Schlafmatten.
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
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