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Kampfauftrag Kind

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In der Elternbrust schlagen zwei Herzen. Das eine befiehlt: Locker bleiben! Das andere, sofort zum Telefon zu rennen.

Aber was ist für die Kinder gut? Und vor allem: Wie viel davon?

Bei den Kindern machen sich Mama und Papa jedenfalls nicht unbeliebt: Eltern und Kinder in Deutschland kamen wohl noch nie so gut miteinander aus wie heute. In der Shell-Jugendstudie von 2010 gaben drei Viertel der Jugendlichen an, ihren Nachwuchs einmal so erziehen zu wollen, wie sie es von ihren eigenen Eltern kennen. Ein größeres Lob für Mutter und Vater geht nicht.

Doch sind die Eltern für dieses Lob womöglich ein bisschen zu weit gegangen? Schaden sie den Kindern?

Im Jahr 2010 lebte über die Hälfte der jungen Frauen von 18 bis 24 Jahren noch bei Mama und Papa. Bei den jungen Männern waren es mehr als 70 Prozent. Der Nesthocker wird zum Massenphänomen. Das hat viele Gründe: Die Ausbildung dauert langer, die Mieten sind gestiegen, der Weg in den Beruf beginnt später. Aber auch: Daheim ist alles so angenehm.

Und, ist das jetzt schlimm? Nein. Nicht an sich. Die Frage ist, wie es weitergeht im Leben so wohlbehüteter Geschöpfe. Die Frage ist: Werden die Kinder heute noch erwachsen?

Die Psychologieprofessorin Inge Seiffge-Krenke von der Universität Mainz warnt davor, dass Eltern heute die Autonomie ihrer Kinder zu sehr blockieren. "Man hat in Studien an Eltern junger Erwachsener gefunden, dass Vater und Mutter regelrecht Trennungsangst erleben." Durch Manipulationen, zu viel Unterstützung und psychischen Druck versuchten sie, das erwachsene Kind weiterhin stark ans Elternhaus zu binden.

In der Wirtschaft wird regelmäßig bemängelt, dass viele Schulabgänger kaum den Anforderungen einer Berufsausbildung gewachsen sind. Das Deutsche Studentenwerk bietet Hilfe für Studenten, die Schwierigkeiten haben, sich von ihren Eltern abzunabeln.

Es ist ein soziales Experiment riesigen Ausmaßes: Was wird aus einer Generation von Kindern, denen die eigenen Eltern so viel Forderung und Rückhalt geben wie möglich? Und die dabei womöglich versäumen, sie fit fürs Leben zu machen. Wie können Eltern erkennen, wann sie mit ihrer Fürsorge übertreiben? Und wann ihre Sorgen berechtigt sind?

Ein Hamburger Gymnasium, es liegt in einem wohlhabenden Viertel, die Eltern der Schüler sind in der Mehrzahl Akademiker. Ein Lehrer schildert folgende Situation: "Ich erwische einen 14-Jährigen beim Rauchen auf dem Schulgelände. Ich weiß, der Junge raucht regelmäßig, ich rieche es jeden Morgen. Der Junge darf es nicht, schon gar nicht in der Schule. Ich rufe die Eltern an.

Die Mutter geht ans Telefon. Sie sagt: 'Das stimmt nicht. Mein Sohn raucht nicht.'

Ich sage: 'Doch. Das ist leider so.'

Die Mutter sagt: 'Das müssen Sie mir erst einmal beweisen.' Das Gespräch ist damit beendet."

Der Lehrer ist jetzt angehalten, seine Beobachtungen zu dokumentieren, er wird für die Eltern einen Bericht schreiben müssen. Am Ende wird bei ihnen das Gefühl bleiben: Der Lehrer übertreibt, der rauchende Sohn ist das Opfer seiner Nachstellungen. Eine Strafe, das ist dem Pädagogen schnell klar, hat das Kind nicht zu erwarten.

Man fragt sich, warum sagt die Mutter nicht einfach: "Danke für den Hinweis"? Und: ,,Ich kümmere mich drum"?

Mittagszeit in Niederbayern, die Sekretärin hat Pause, also muss Schulleiter Kraus Übernehmen. Ein zartes Klopfen. Vor der Tür stehen zwei 12-Jährige, sie wollen eine DVD ausleihen. Sie sagen: "Bitte, Herr Kraus." Und: "Mei, toll, danke." Kraus zieht mit dem Schlüssel los: "Ja, ja, des mach ma gleich."

Mitte der neunziger Jahre saß Josef Kraus im Wahlkampfteam von CDU-Mann Manfred Kanther in Hessen. Er sollte Kultusminister werden, aber Kanther scheiterte bei der Wahl. Linke Zeitungen nannten Kraus damals die "Gefahr aus dem Süden".

Kraus lacht darüber. Die schlimmste Strafe, erzählt er, die er in drei Jahrzehnten Schuldienst verhängt habe, waren ein paar Tage Unterrichtsausschluss. Kraus hält sich nicht für sonderlich gefährlich.

Er sagt, er wolle Eltern mit seinem Buch nicht an den Pranger stellen. Die meisten hätten sehr bodenständige Vorstellungen von Erziehung. "Siebzig, achtzig Prozent handeln mit Sinn und Verstand", sagt er. Doch links und rechts dieser Normalität machten sich zwei Extreme breit: die, die ihre Kinder vernachlässigten - und die, die ihre Kinder mit zu viel Fürsorge überschütteten.

"Auf diese beiden Extreme wenden die Kindergarten und die Schulen schon heute den Großteil ihrer Energie auf", sagt Kraus. Und er sieht, dass die überbesorgten, die, wie er sie nennt, "hyperaktiven Eltern" noch weiter auf dem Vormarsch sind.

In seinem Direktorat säßen Eltern, die sagten: "Da haben wir mal wieder eine Fünf geschrieben, obwohl wir doch so viel gelernt haben." Mütter und Väter, die bis zur Unkenntlichkeit verschmelzen mit den Siegen und Niederlagen ihres Nachwuchses. Die unzählige Ratgeber lesen, in jeder Sprechstunde sind, die Lehrer zu Hause anrufen, sich mit dem Busfahrer, der das Kind mal kritisch beäugt hat, anlegen. Die im Grunde aber, so übersetzt es Kraus, ihren Kindern nichts zutrauen.

Das ist das Hauptproblem.

Zum Beispiel der Schulweg: 2012 machte sich laut Forsa-Umfrage nur jeder zweite deutsche Grundschüler allein auf den Schulweg. 1970 waren es noch 91 Prozent. Kraus sagt: "Kaum ein Kind kommt hier allein an. Bei Regen würden die Eitern am liebsten mit dem Auto bis in die Aula [121] fahren."

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[© Der Spiegel. Wiedergabe nur für persönlichen Gebrauch.]


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