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Kampfauftrag Kind

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Wie soll man es denn besser machen? So schwer sei das gar nicht, sagt Hagemeyer. Man müsse nur mit ein paar Dingen ins Reine kommen.

Zum einen sei da die weitverbreitete Annahme, Kinder kämen wie weiße Püppchen auf die Welt, die man beliebig anmalen kann. "Aber Kinder", sagt Hagemeyer, "die sind, wie sie sind."

Wenn sie einem in den eigenen Interessen und Fähigkeiten ähnlich sind, werde das familiäre Miteinander wahrscheinlich reibungsloser verlaufen. "Wenn sie aber ganz anders sind, dann muss man sich damit eben anfreunden. Dann muss man das füreinander organisieren."

Hagemeyers These: Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder glücklich zu machen. "Eltern sind dazu da, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen die Informationen und Fertigkeiten zu vermitteln, die sie brauchen, um sich in der Welt zurechtzufinden", sagt die Psychologin.

Das Projekt "Glückliches Kind" berge die Gefahr in sich, dass das Kind nicht mehr die Möglichkeit habe, unbeschwert traurig zu sein. "Alle Emotionen, die wir Menschen mit auf die Welt bringen, sind wichtig und wertvoll für unsere Persönlichkeit. Wirklich hilfreiche Eltern sind diejenigen, die das Kind anerkennen, so wie es ist."

An der Universität Freiburg versucht die Studienberaterin Eva Welsch bei dieser Art von Anerkennung zu helfen. Vor ein paar Jahren hat sie begonnen, nicht nur Studenten, sondern auch Eltern Sprechstunden anzubieten.

Welsch, 62, bittet in ihr Büro. An der Wand hängt ein Druck von Mark Rothko, beruhigendes Rot, die Couch ist hell und weich. Fast jeden Satz beendet Welsch mit einem Lächeln.

Sie sagt, dass sie das Miteinander von Studenten und Eltern als freundschaftlich erlebe. "Entscheidungen treffen sie häufig gemeinsam, nicht wie früher, als Eltern noch sagten, ,Medizin oder gar nichts!'"

Doch Welsch ist nicht sicher, ob die jungen Erwachsenen sich nicht manchmal allzu willfährig den Ratschlägen der Eltern beugten. "Das sind alles empathische, reizende Eltern, wirklich", sagt sie. "Aber es sind Eltern, die kurzatmig werden, weil sie sich so große Sorgen um ihre Kinder machen."

Zugleich sitzen in der Studienberatung häufig Studenten, Mitte, Ende zwanzig, die nach ihrem Abschluss kommen und sagen: "Jetzt habe ich studiert, wozu mir meine Eltern geraten haben. Aber glücklich werde ich damit nicht. Kann ich noch einmal von vorn beginnen?"

Welsch fragt sich dann stets: Hätte man das nicht vorher merken können? Doch es sei schwer geworden, die Kinder zu ihrer eigenen Wahl zu ermuntern, die Eltern davon abzuhalten, allzu fürsorglich einzugreifen. Sie spürt, dass eine andere Art von Spannung zwischen Eltern und Kindern entstanden ist. Keine, die aus autoritärem Zwang entsteht. Sondern aus Angst. .

Manchmal wird es Eva Welsch in diesen Situationen eng ums Herz. Was nutzt ein VWL-Studium, wenn der Junge schlecht in Mathe ist? Was bringt Jura, nur weil der Vater als Rechtsanwalt gut ist? Sie sagt: "Fragt doch mal nach dem Glück der Kinder! Das tut keiner mehr." Die Leichtigkeit sei weg.

Sie versuche den Eltern zu sagen: "Lehnen Sie sich zurück, kommen Sie raus aus Ihrer Verkrampfung. Die Noten sind gut, Klavier kann er schon, Tennis spielt er auch. Was soll denn noch alles in dies es Kind rein, damit es auf dem Arbeitsmarkt reüssiert?"

Die Studienberaterin will, dass bei den Heranwachsenden wieder die Neugierde geweckt wird. Sie sagt: "Wir haben hier eine Universität, die hat Säcke von Wissen." Sie will den Eltern klarmachen, dass ihr Kind nur dann einmal gut im Beruf sein wird, wenn es etwas studiert, das es interessiert. "Nicht, was gerade opportun auf dem Arbeitsmarkt ist."

Häufig, sagt Welsch, habe sie in einer solchen Beratung Erfolg. Sie spüre dann ein tiefes Durchatmen - bei Kindern und Eltern.

In Niederbayern bereitet sich Josef Kraus auf den nächsten Tag vor. Der Abschied von den diesjährigen Abiturienten steht an, für Kraus wird es der 20. Abiturjahrgang sein, den er ins Leben entlässt. Der Pädagoge muss noch seine Rede fertigschreiben.

Kraus sagt: "Ich konnte jedes Jahr die gleiche halten, keiner würde es merken." Aber er will das nicht. Er will, dass die Rede jedes Jahr neu ist, dass sie etwas mit dem Leben seiner Schüler zu tun hat.

Was will er dieses Mal sagen?

"Ich mochte über Humor sprechen." Über Humor als Chance, mit dem Leben fertig zu werden.

Die letzte Schulglocke läutet, der Gymnasialdirektor trinkt Kaffee und erklärt: "Humor macht es leichter, mit den Unzulänglichkeiten des eigenen Lebens zurechtzukommen." Humor mache es leichter, versöhnlich auf die Schwächen der Mitmenschen zu sehen. "Und Humor ist ein großes Stück innere Freiheit. In Situationen, in denen man sich ohnmächtig fühlt. "

Warum will er ausgerechnet das seinen Schülern mit auf den Weg geben?

"Damit sie Abstand gewinnen. Vom Perfektionismus, vom Verwertungsdenken. Von dieser sturen Ellbogenmentalität." Denn seine Schüler, sagt Kraus, das seien mehr als nur Menschen, die man benote. "Das sind auch Tochter, Söhne, Brüder, Schwestern oder Freunde." In jeder dieser Rollen sollen sie glücklich werden.

Vor allem, sagt Kraus, mochte er das aber den Eltern sagen. "Denn die sitzen morgen ja auch da." KERSTIN KULLMANN

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