Kampfauftrag Kind
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
Yanira half, wo sie konnte, und bemühte sich, niemandem zur Last zu fallen. Das Mädchen war damals sechs Jahre alt.
In Los Angeles beobachteten Izquierdo und eine Kollegin das Leben amerikanischer Mittelklassefamilien. Beispielsweise das morgendliche Aufstehritual: Um 6:30 Uhr weckt die Mutter den 11-jährigen Mikey, den 12-jährigen Mark und die 15-jährige Stephanie. Sie ruft so etwas wie: "Aufstehen Kinder, aufstehen! Raus aus den Federn!"
Die Kinder weigern sich zunächst, die Mutter muss mehrere Weckrunden drehen. Unten in der Küche fragt sie jeden, was er frühstücken möchte. Sie bietet mehrere Alternativen an, fragt auch nach den Wünschen für die Lunchbox und bereitet die Pausenbrote zu. Dann erinnert sie alle daran, sich die Zähne zu putzen, Haare zu kämmen und Schuhe anzuziehen.
Während des gesamten Frühstücks hat die Mutter die Uhr im Blick. Sie ruft: "Noch zehn Minuten! Noch fünf Minuten!" Schließlich bittet sie den zwölfjährigen Mark, auf dem Weg nach draußen den Müll mitzunehmen. Mark schreit: "Nein!" Nur widerwillig tut er es später doch.
In 30 amerikanischen Familien, die für die Studie beobachtet wurden, übernahm kein einziges Kind routinemäßig und eigenständig Aufgaben im Haushalt. Alle wurden zum Bettmachen, Tischabräumen, sogar zum Anziehen ermahnt und folgten nur zögerlich.
Anweisungen wurden von den Eltern dabei häufig ais Vorschlage formuliert. Etwa so: "Weißt du, was du machen kannst? Du kannst dir bitte die Haare im Badezimmer waschen! Willst du das machen?" In einer typischen Szene bat ein Vater seinen achtjährigen Sohn fünfmal, zum Duschen ins Bad zu gehen. Schließlich trug er ihn dorthin. Kurz darauf kehrte der Junge ungewaschen zurück und spielte ein Videospiel.
Hört sich das sehr fremd, sehr amerikanisch an? Eher nicht.
In ihrer Studie berücksichtigten die Wissenschaftlerinnen, welchen Stellenwert die Schulbildung und die Entwicklung von Individualität in den verschiedenen Kulturen haben. Doch dass die Schule im Leben amerikanischer Mittelklassekinder eine größere Rolle spielt als bei den Matsigenka, erklärt für die Forscherinnen nicht, weshalb so wenige Schulkinder in L. A. bei einfachen, schnellen Hausarbeiten helfen.
Selbst beim Haarekämmen, Zähneputzen, Duschen, Sachenzusammenräumen - alles Dinge, die kleine Schulkinder von ihrer Entwicklung her schon selbst erledigen können müssten - erhielten sie Hilfe von ihren Eltern.
Wohin die übertriebene Unterstützung führen kann, sieht die Mannheimer Diplompädagogin Gabriele Pohl, 60, täglich in ihrer Praxis. Pohl therapiert seit zwölf Jahren Kinder mit Angststörungen. Sie sagt, den Kindern fehle heute der Mut für alles Mögliche. "Die können oft schon nicht mehr hüpfen oder auf einem Bein stehen. Die trauen sich nirgends runterzuspringen." So viel Entfremdung vom eigenen Körper wirke sich auch auf die Seele aus.
Sie erzählt von dem zwölfjährigen Mädchen, das kein Streichholz anzünden kann, das durfte es noch nie. Von dem Zehnjährigen, der sich den Reißverschluss seiner Jacke noch immer von der Mutter schließen lässt.
Bei ihren Beratungsgesprächen hat sie häufig den Eindruck, da komme kein Kind, sondern ein Kopf durch die Tür.
Zum Beispiel der Fünfjährige, der all ihre Puppen durchzählt, aus Stoffschlangen Buchstaben legt. Und es dann nicht schafft, auf den Stuhl zu klettern.
"Es wird nur auf den Intellekt geguckt, aber nicht darauf, was die Kinder sonst noch brauchen. An körperlichen Erfahrungen, an Sozialerfahrungen, an emotionaler Intelligenz", sagt Pohl. "Kinder wollen Mutproben, sie wollen wissen, wer von ihnen stärker ist, sie wollen Abenteuer." Vor allem brauchten sie die Freiheit, Dinge zu tun, bei denen sie nicht unter Aufsicht stehen. "Losziehen, etwas machen können. Ohne dass immer jemand hinter einem her ist. "
Gewähren Eltern ihnen diese Freiheiten nicht, dann, meint Pohl, werden die Kinder sie sich irgendwann nehmen. "Dann machen sie irgendeinen Kokolores." Sie weiß da von Sachen wie S-Bahn-Surfen, Drogennehmen, Komasaufen.
Kinder, die sich selbst nicht ausprobieren können, sind ihrer Meinung nach starker gefährdet. "Ein Jugendlicher mit einem gesunden Selbstvertrauen, der kennt seine Grenzen. Der kann sagen: 'So, jetzt hör ich auf mit dem Trinken, mir reicht es jetzt.'"
Bei ihrem ersten Kind war Erika Kochel* [Name cvon der Redaktion geändert.] 36 Jahre alt, und dann bekam sie noch ein zweites. Sie sagt: "Ich war eine späte, ängstliche Mutter." Ihre Kinder sind heute 17 und 19, ihr großer Sohn hat gerade Abitur gemacht.
Hat alles gut geklappt?
Sie seufzt. "Ja, schon. Weil ich vor zehn Jahren die Notbremse gezogen habe."
Die ersten Jahre war Kochel mit den kleinen Kindern daheimgeblieben, sie und ihr Mann hatten sich für eine klassische Rollenaufteilung entschieden. Ihre Welt bestand aus Wohnung, Spielplatz, Wohnung. "Es war eine wahnsinnig enge Geschichte."
Damals hatte sie ständig Angst, dass die Kinder entführt oder auf der Straße überfahren werden. Sogar das Nachrichtengucken fiel ihr schwer, all das Schlechte erschütterte sie maßlos.
Sie sagt: "Es passiert sehr leicht, dass man mit seinen Sorgen übertreibt. Wenn man allein ist mit den Kindern, verschwimmt die Grenze. Was ist zu viel, was gerade richtig?"
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Briefe (Spiegel 34/2013 Seite 6)
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