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Es ward ein Virus ...
... und jetzt denkt man darüber nach, ob das Veröffentlichen von Genomsequenzen die Sicherheit gefährden könnte. 2002
Das Rezept stand im Internet, die Zutaten kamen per Versand - der Rest waren Fleiß und Routine. Zwie Jahre dauerte es, bis das Team um Eckard Wimmer von der New Yorker Stony Brook University nun in Science Vollzug melden konnten: Sie bauten im Labor ein funktionierendes Polio-Virus allein aus seinen chemischen Bestandteilen - das erste "künstliche" Virus überhaupt.
Die 7741 Basen der einstängigen RNA des Erregers der Kinderlähmung entnahmen Wimmer und Co. einer öffentlichen Sequenzdatenbank und überstzten sie zunächst in einen entsprechenden DNA-Strang. Diesen unterteilten sie in Fragmente, die sie sich bei einschlägigen Versandfirmen synthetisieren ließen. Über ein Jahr brauchte Erstautor Jeronimo Cello anschließend um den kompletten DNA-Strang zusammen zu setzen. Das fertige DNA-Template überstzten sie in vitro zurück in RNAA und gaben siese zu einem zellfreien Extrakt uninfizierter humaner Zellen. Es geschah, was Wimmer und Co. erwarteten: Die RNA wurde kopiert und machte neue Polio_Partikel. Diese sprizten die Autoren in Mäusehirne, worauf die Tiere an typischen Polio-Symptomen erkrankten und später starben - auch wenn dafür im Vergleich zum natürlichen Zwilling größere Virus-Mengen erforderlich waren.
Neben dem Proof of Principle, dass auf diese Weise infektiöse Viren hergestellt werden können, ging es Wimmer nach eigener Aussage mit seiner Studie noch um etwas anderes: "Dies ist eine Mitteilung an dieGesellschaft, die wissen muss, dass man so etwas machen kann," wird er zitiert. "Natürlich kann das missbraucht werden. Um so wichtiger ist es, dass man sich von vorne herein Gedanken macht, wie man sich vor diesem Missbrauch schützen kann."
Womit sich der gebürtige Göttinger scheinbar gleich zwischen zwei Stühlen gesetzt hat. Natürlich befürchten jetzt viele, dass das, was mit Polio geht, auch mit anderen einfachen Viren wie etwa HIV oder Ebola funktioniert. Weshalb sie das Papier schon ganz oben auf den Schreibtischen potentioneller Bio-Terroristen liegen sehen. Wimmer stellt dazu jedoch klar: "Alles, was wir gemacht haben, war bereits vorher öffentlich verfügbar."
Seine Forscherkollegen sparen indes auch nicht mit Kritik. Um solchen Szenariendas Wasser ab zu graben, könnte man jetzt auf die Idee kommen, das öffentliche Publizieren von Sequenzen zu unterbinden, so deren Tenor. Zwangsläufig würde dadurch aber die Erforschung gefährlicher Krankheitserreger erheblich behindert und verzögert, geben sie zu bedenken. Und tatsächlich plant die US_National Academy of Science bereits auf Anraten der American Society for Microbiologists ein Meeting von Journal Editoren um zu prüfen ob Forschungsergebnisse, wenn sie veröffentlicht werden, ein nationales Sicherheitsrisiko darstellen könnten.
Ex-Celera-Chef Craig Venter, der wohl soviel Sequenzen wie kein anderer veröffentlicht hat, geht indes noch weiter. Er zitierte Nature hierzu: "Ich habe Sorge, dass jetzt hastig irgendwelche Gesetzesvorlagen losgebrochen werden, die uns Forscher kriminalisieren könnten." Und in Richtung Wimmer grantelte er, dass er wenigstens ein harmloses Virus hätte nehmen können um seine Technik zu beweisen. Dann hätte er nicht in solchem Maße unnötig Ängste geschürt.
Wobei nicht abzustreiten ist, dass es nat/uuml;rlich besonders beeindruckt ein quasi ausgeriottetes Virus aus dem Internetzu neuem infektiösenm Leben zu erwecken.
Ralf Neumann
[Source: "Laborjournal" 09/2002 S. 8
** This material is distributed for research and educational purposes only. **
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