Von der Mast zur Schlachtung

(Kapitel 1 aus "Das Imperium der Rinder" von Jeremy Rifkin, 1994)

Die Zeugung eines Kälbchens beginnt heutzutage in den USA nicht selten mit einem "Lockbullen", der dazu dient, brunstige Kühe zu markieren. Sein Penis ist durch einen chirurgischen Eingriff so verändert, daß er bei einer Erektion zur Seite hin austritt. Wird der Bulle durch die Gegenwart der paarungsbereiten Kuh erregt, versucht er, sie zu besteigen, kann aber nicht in ihre Vagina eindringen. Der Bulle hinterläßt jedoch auf ihrem Rumpf einen Farbfleck aus einem Markierer, der an seinem Hals hängt. Die markierten Kühe werden dann von der Herde abgesondert und künstlich befruchtet.

Mittlerweile gibt es einen östros-synchronisierenden Wirkstoff, der auch den Einsatz von Lockbullen überflussig macht (Schell 1984, 267). Das Medikament wird allen Kühen einer Herde zur selben Zeit injiziert, so daß sie gleichzeitig in Brunst kommen. Der amerikanische Pharmakonzern Upjohn Company wirbt für die Effizienz seines östros-synchronisierenden Präparates mit dem Slogan "You call the shots" "Sie sind am Drücker" (ebd., 270; "shot" steht auch als Synonym für "Ejakulation", A.d.Ü.). Indem sie die Zyklen einer ganzen Herde aufeinander abstimmen, sind die Viehzüchter in der Lage, vorauszuplanen und für das Kalben den günstigsten Zeitpunkt im Jahr auszusuchen.

Männliche Kälber kastriert man nach der Geburt, um sie gefügiger zu machen und um eine bessere Fleischqualität zu erzielen. Die Kastrationsmethoden sind unterschiedlich: Bei einer wird der Hodensack straff heruntergezogen, mit einem Messer aufgetrennt, und die Hoden werden samt Samenstrang herausgerissen. Bei einer anderen werden die Samenstränge mit einem Emaskulator, einem zangenartigen Gerät, abgequetscht.

Damit sich die Tiere nicht gegenseitig verletzen, werden sie mit einer chemischen Paste, die die Hornwurzeln verbrennt, enthornt. Manche Viehzüchter warten, bis die Kälber etwas älter sind, und benutzen dann zur Enthornung ein elektrisches Gerät, das das Horngewebe mit einer gewölbten Zusatzvorrichtung kauterisiert und so die Hornanlage zerstört. Bei älteren Stieren werden die Hörner samt Wurzeln mit Sägen entfernt - oftmals ohne Betäubung.

Für kurze Zeit dürfen die Kälber sich ihres Lebens freuen; sie bleiben für sechs bis elf Monate bei der Mutterkuh auf der Weide, bevor sie in die riesigen, automatisierten Fütterungsbetriebe gebracht, dort gemästet und für die Schlachtung vorbereitet werden. In den dreizehn großen Viehzüchterstaaten der USA gibt es etwa 42.000 Mastbetriebe. In den 200 größten dieser Betriebe wird etwa die Hälfte der gesamten Rinderbestände der Vereinigten Staaten gemästet (Farmline, Juni 1990). Eine solche Fütterungsanlage besteht meist aus einem eingezäunten Areal mit einem Futtertrog aus Beton an einer Seite. In einigen der größeren Mastbetriebe stehen Tausende Rinder zusammengepfercht in engen Boxen, Seite an Seite aufgereiht.

Um in kürzester Zeit eine optimale Gewichtszunahme zu erzielen, wird den Tieren eine bunte Palette von Medikamenten verabreicht, darunter Wachstumshormone und Kraftfutterzusätze. In die Ohren der Rinder werden Anabolika in Form kleiner, nach und nach resorbierbarer Pellets eingepflanzt. Diese Hormone werden allmählich in das Blut abgegeben und erhöhen den Hormonspiegel auf das Zwei- bis Fünffache des Normalwertes (Mason/Singer 1990, 67). Die Tiere werden mit Estradiol, Testosteron und Progesteron behandelt (ebd., 51). Die Hormone regen die Zellen an, mehr Protein herzustellen und schneller Muskel- und Fettgewebe aufzubauen. Anabolika steigern die Gewichtszunahme um 15 bis 25 Prozent, die Futterverwertung um 5 bis 12 Prozent und die Zunahme an Muskelmasse um 15 bis 25 Prozent (Kenney/Fallert 1989, 22f.). Mehr als 95 Prozent aller Rinder, die in den Vereinigten Staaten in Mastbetrieben stehen, bekommen gegenwärtig Wachstumshormone verabreicht (Kuchler et al. 1989, 26).

Früher wurden dem Viehfutter große Mengen Antibiotika zugesetzt, die das Wachstum fordern und Krankheiten bekämpfen sollten, welche in den überfüllten Pferchen der Mastbetriebe grassierten. 1988 wurden in den Vereinigten Staaten ungefähr 7 Millionen Kilo Antibiotika als Futterzusätze in den Tierhaltungsbetrieben verbraucht (Mason/Singer 1990, 70; FDA Veterinarian, Mai-Juni 1989). Zwar verlautet aus den Kreisen der Viehwirtschaft, daß der exzessive Gebrauch von Antibiotika bei der Tierfütterung eingestellt worden sei, aber die Milchkühe, die etwa 15 Prozent des in den USA konsumierten Rindfleisches liefern, erhalten nach wie vor Antibiotika (Mason/ Singer 1990, 83f.; National Research Council 1989, 49). In dem für den menschlichen Verzehr bestimmten Fleisch finden sich häufig Rückstände dieser Medikamente, die bewirken, daß die Bevölkerung immer anfälliger wird für aggressivere bakterielle Krankheitserreger.

Kastriert und von Drogen benommen, stehen die Rinder stundenlang vor den Futtertrögen und fressen Mais, Zuckerhirse und andere Getreidesorten sowie ein Sammelsurium exotischer Futtermittel in sich hinein. Das Futter ist mit Pflanzenschutzmitteln durchsetzt. In den USA werden heute 80 Prozent aller Pestizide für die Behandlung von Mais- und Sojapflanzen eingesetzt, die hauptsächlich als Futter für Rinder und anderes Nutzvieh dienen (National Research Council 1989, 44). Die Giftstoffe lagern sich im Organismus der Tiere ab und gelangen nach der Schlachtung mit dem Bratenstück zum Verbraucher. Dem National Research Council zufolge steht Rindfleisch an zweiter Stelle hinter den Tomaten auf der Liste derjenigen Lebensmittel, die aufgrund ihres Pestizidgehaltes als krebserregend eingestuft werden (National Research Council 1987, 78). Rindfleisch ist das Nahrungsmittel mit dem höchsten Herbizidanteil und steht, was die Verseuchung mit Insektiziden betrifft, an dritter Stelle. Rindfleisch ist für elf Prozent des Krebsrisikos verantwortlich, das den Verbrauchern heute durch Pestizide in allen auf dem Markt angebotenen Nahrungsmittel droht (ebd., 78ff.).

Einige Mastbetriebe haben begonnen, dem Futter versuchsweise Pappe, Zeitungspapier und Sägemehl beizusetzen, um so die Fütterungskosten zu senken. Große Viehhaltungsfabriken wiederum kratzen den Kot aus den Hühner- und Schweineställen zusammen und mischen ihn direkt dem Rinderfutter bei. Dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium zufolge könnte Zementstaub in Zukunft ein besonders attraktiver Futterzusatz werden, da so eine um 30 Prozent schnellere Gewichtszunahme zu erzielen ist als bei der Verwendung von Normalfutter (Mason/Singer 1990, 51). Vertreter der Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA berichten von der gängigen Praxis, Industrieabwässer und Öle unter das Futter zu mischen, um die Kosten zu senken und die Gewichtszunahme der Tiere zu beschleunigen.

Wissenschaftler an der Kansas State University haben Experimente mit Plastikfutter als billigem künstlichem Rauhfutterersatz durchgeführt; die hierbei verwendeten Pellets bestanden aus 80 bis 90 Prozent Äthylen und 10 bis 20 Prozent Propylen (Schell 1984,127). Die Wissenschaftler verweisen dabei auf die zusätzlichen Einsparungen, wenn das neue Plastikfutter zur Schlachtzeit gefüttert wird und dann mehr als "20 Pfund des Materials aus dem Pansen jeder Kuh rückgewonnen, eingeschmolzen und zu neuen Pellets verarbeitet werden können" (ebd., 129).

Das Umfeld der Rinder im Mastbetrieb wird in jeder Hinsicht streng überwacht und reguliert, um eine optimale Gewichtszunahme sicherzustellen. Selbst Fliegen bedeuten eine lästige Störung, die die Tiere am Fressen hindert; Rinder können durch das beständige Abwehren von Fliegenschwärmen bis zu einem halben Pfund täglich abnehmen (ebd., 152). Außerdem übertragen Fliegen Krankheiten wie Rindergrippe, eine Art Bindehautentzündung bei Rindern und Pferden, und Rhinotracheitis, eine Entzündung des Nasen-Rachen-Raums. Von den Versorgungswegen zwischen den Fütterungsarealen aus wird ein giftiger Nebel von Insektiziden aus Hochdruckdüsen in die Ställe und manchmal direkt auf die Tiere gesprüht. In den größten Betrieben, in denen 50.000 und mehr Tiere zusammengepfercht sind, geht man inzwischen gelegentlich zur Besprühung aus der Luft über. Dieselben Flugzeuge, die sonst Unkrautvertilgungsmittel über Feldern versprühen, fliegen über die Rinderpferche und lassen ihren Giftregen auf die gesamte Mastanlage niedergehen.

Wenn sie ihr "Idealgewicht" von 500 Kilogramm erreicht haben, werden die Bullen in große Viehtransporter gepfercht, in denen sie keinen Zentimeter Bewegungsfreiheit haben. Während der rücksichtslosen Fahrt zum Schlachthof stürzen immer wieder einzelne Tiere und erleiden unter den Tritten der anderen Bein- und Beckenbrüche. Diese Tiere, die nicht mehr in der Lage sind, sich aufzurichten, werden als ~>Fertige" (downer) bezeichnet.

Die Rinder werden viele Stunden oder ganze Tage lang ohne Ruhepause und Nahrung und sehr oft auch ohne Wasser über weite Strecken transportiert. Am Ende der Fahrt werden die unverletzten Tiere in einem Viehhof am riesigen Schlachthauskomplex abgeladen. Die "Fertigen" jedoch müssen oft Stunden auf das Abladen warten. Obwohl diese Tiere gewöhnlich furchtbare Schmerzen leiden, werden sie selten eingeschläfert oder anästhesiert, weil die Konsequenz ein unverwertbarer Kadaver und zusätzliche Kosten wären. Auf dem Boden der Viehtransporter zusammengebrochen, außerstande, aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen, werden die bedauernswerten Kreaturen an den gebrochenen Beinen angekettet und vom Lastwagen auf eine Laderampe geschleift, wo sie liegen bleiben, bis sie an der Reihe sind, geschlachtet zu werden. Tiere, die während des Transports verendet sind, werden auf den Kadaverhaufen geworfen.

Modernere Schlachthofkomplexe wie Holcomb in Kansas nehmen oft ein Gelände von 5 bis 6 Hektar und mehr ein (Skaggs 1986,191). Die Bullen werden hintereinander in das Schlachthaus getrieben. Gleich hinter dem Eingang werden sie mit einem Luftdruckgewehr betäubt. Wenn sie dann mit den Vorderbeinen einknicken, legt ein Arbeiter ihnen schnell eine Schlinge um einen der Hinterhufe, an der die Tiere mechanisch hochgezogen werden, so daß sie mit dem Kopf nach unten an der Schlachthausdecke hängen. Männer in blutgetränkten Kitteln schlitzen den Rindern die Kehle auf, stechen die Klinge eine oder zwei Sekunden lang tief in den Kehlkopf und ziehen sie dann mit einem Ruck heraus, wobei Halsschlagader und Jugularader durchtrennt werden. Das Blut spritzt über den ganzen Arbeitsplatz, über Arbeiter und Werkzeuge. Ein Journalist beschreibt die Szene so:

"Die Schlachthalle sieht aus wie ein rotes Meer... Das warme Blut brodelt und gerinnt in knöcheltiefen Pfutzen. Brennend steigt der Geruch in die Nase. Die Männer waten buchstäblich im Blut... Jeden Abend wird die klebrige Brühe weggewischt." (Ebd.)

Das tote Tier durchläuft nun den Verarbeitungsprozeß. An der nächsten Bandstation wird es gehäutet. Die Haut wird an der Bauchmittellinie aufgeschnitten und von einer Enthäutungsmaschine in einem Stück abgezogen. Danach wird der Kopf abgetrennt und die Zunge herausgeschnitten. Leber, Herz, Därme und andere Innereien werden herausgenommen. Wenn alle Eingeweide entfernt sind, wandert der Körper zur nächsten Bandstation weiter, wo er mit Motorsägen am Rückgrat entlang aufgeschnitten und der Schwanz abgetrennt wird. Das aufgetrennte Rind wird mit warmem Wasser abgespritzt, in ein Tuch geschlagen und für 24 Stunden in einen Kühlraum gehängt. Am nächsten Tag bearbeiten Männer das tote Tier mit Motorsägen und zerlegen es in identifizierbare Fleischstücke - Steaks, Bug, Koteletts, Bruststücke. Die Stücke werden auf Fließbänder geworfen, an denen dreißig bis vierzig Mann stehen, die sie entbeinen, zurechtschneiden und verpacken. Die ordentlich zerteilten, vakuumverpackten Rindfleischstücke werden dann in die Supermärkte im ganzen Land verfrachtet, wo sie hinter den Glasscheiben der hell beleuchteten Fleischtheken auf ihre Käufer warten.
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